Soziale Politik für Dich.

9. Juni Gemeinderatswahl - jetzt gilt's!

Landkreise dürfen nicht ausbluten

Veröffentlicht am 13.08.2009 in Pressemitteilungen

Saskia Esken aus Bad Liebenzell will Renate Gradistanac als SPD-Abgeordnete im Bundestag nachfolgen
Seit zwei Jahren sitzt Saskia Esken im Bad Liebenzeller Gemeinderat. Nun reizt sie der Sprung nach Berlin. Im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE nennt die SPD-Bundestagskandidatin die Stärkung des ländlichen Raums als einen ihrer Schwerpunkte.

Horb. Nicht in Calw, Horb oder Freudenstadt, sondern in Empfingen hat Saskia Esken ihren Wahlkampf begonnen. „Es geht mir darum, mit den Menschen in meinem Wahlkreis ins Gespräch zu kommen“, erklärt die Calwer Sozialdemokratin, die für den Bundestag im Wahlkreis Calw/Freudenstadt kandidiert, das erste Anliegen ihres Wahlkampfes. Unterwegs ist sie mit einem Wunschbaum, an dem die Bürger Äpfel mit ihren Wünschen an Politiker aufhängen können. „Etwa die Hälfte der Menschen wünschen sich mehr Ehrlichkeit von Politikern“, sagt Esken. Dass Politiker keine Ahnung hätten, wie es im wirklichen Leben zugeht, höre sie besonders oft.

Diesen Vorwurf kann man Esken nicht machen. Sie hat in verschiedensten Berufen gearbeitet – unter anderem in der Industrie, in einer Wäscherei, als Chauffeurin, Päckchenzustellerin und Informatikerin – und ist Mutter von drei Kindern. Auf das Thema Familie wird sie im Wahlkampf auch besonders häufig angesprochen, berichtet Esken. Eines ihrer Ziele ist die Stärkung der Kinderbetreuung auch auf dem Land. „Oft denkt man ja, das braucht man hier gar nicht, auf dem Land gibt es schließlich intakte Familienstrukturen“, nennt Esken eine weit verbreitete Meinung.

Unzufrieden ist Esken vor allem mit der Bildungspolitik. Der Orientierungsplan für Kindertagesstätten sei „ein Monster von Bürokratie“ für die Erzieherinnen, und die Umsetzung des achtjährigen Gymnasiums in Baden-Württemberg habe zur Folge, dass den Vereinen und Musikschulen der Nachwuchs aus Zeitgründen fernbleibt. „Die Bildungspolitik in Baden-Württemberg ist ideologisch geprägt“, kritisiert Esken und stellt sich auf die Seite der 91 Prozent der Eltern, die laut einer aktuellen Umfrage die Bildungshoheit in Deutschland lieber beim Bund als bei den Ländern sehen würden.

„Wir müssen Bildung und Weiterbildung bundesweit puschen“, ist Esken überzeugt. Nur so könne dem Facharbeitermangel, der eines der größten Probleme der Zukunft sei, vorgebeugt werden. Deshalb dürften im Zuge der Werkrealschulreform nicht so viele Hauptschulen geschlossen werden, fordert sie. Überhaupt gebe es bei den Hauptschulen einiges zu tun: „Die haben ihren Ruf weg, und viele Schüler, die nach der vierten Klasse auf die Hauptschule geschickt werden, geben sich auf.“ Esken plädiert deshalb für ein längeres gemeinsames Lernen aller Kinder – auch, damit die soziale Herkunft nicht über die Bildungskarriere eines Kindes entscheide.

Nicht nur in Sachen Bildung, auch beim Strafvollzug und in der Verkehrspolitik sei die Föderalismusreform mangelhaft gewesen, sagt Esken. So setze die Landesregierung in Stuttgart den Bundesverkehrswegeplan einfach nicht um. Immerhin: Der anstehende Bau der Hochbrücke in Horb freut Esken. „Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass es gut ist, wenn ein Wahlkreis mit zwei Abgeordneten im Bundestag vertreten ist“, sagt sie. Als die bisherige SPD-Abgeordnete Renate Gradistanac angekündigt hatte, nicht mehr kandidieren zu wollen, hat sich Esken dafür entschieden, ihre Nachfolge anzustreben.

Einfach wird das nicht, denn Esken steht auf der Landesliste nur auf Platz 28. Die SPD bräuchte 33 Prozent der Stimmen, damit die Calwerin wie 1998 Gradistanac über die Zweitstimmen in den Bundestag einzieht. Für ausgeschlossen hält Esken das trotz derzeit schlechter Umfragewerte nicht: „Vor den Wahlen 2005 lagen SPD und CDU in den Prognosen auch um 20 Prozentpunkte auseinander, und bei der Wahl waren sie fast gleichauf“, erinnert sie. Außerdem: „Es gibt ja noch das Direktmandat“, sagt sie selbstbewusst. Dabei müsste sich Esken gegen den langjährigen CDU-Abgeordneten Hans-Joachim Fuchtel durchsetzen. „Ich glaube, da ist Frechheit die richtige Strategie“, so Esken. Nach 22 Jahren im Bundestag, auf die es Fuchtel bringt, sei es Zeit für einen Wechsel. Esken hat den festen Vorsatz, als Bundestagsabgeordnete auf dem Boden zu bleiben: „Mir wäre es wichtig, dass ich mich nicht von dem Klüngel vereinnahmen lasse“, sagt sie. Problematisch werde für sie der Fraktionszwang: „Damit werde ich sicher Schwierigkeiten haben.“ Ihre eigene Meinung zu vertreten sei ihr wichtiger als Parteidisziplin.

Als Abgeordnete möchte Esken dafür sorgen, dass der kommunale Raum Gehör in Berlin findet: „Wir müssen im ländlichen Raum agieren, wenn wir nicht ausbluten wollen.“ Wegen der Arbeitsplatzstruktur verliere vor allem der Kreis Calw immer mehr Einwohner. „Wir müssen die Leute in der Region halten“, fordert Esken. Deshalb möchte sie die Infrastruktur in den Dörfern ausbauen und die Verkehrsanbindung an die Städte verbessern. Wenn dieses Angebot da ist, könnten Familien auf dem Land vielleicht auf ein zweites Auto verzichten, weil die Kinder mit dem Bus zum Sportverein fahren würden. „Das kann man schaffen“, ist Esken überzeugt. „Man muss es nur bezahlen.“

Weitere Steckenpferde der Sozialdemokratin sind Tourismus im Schwarzwald sowie der Natur- und Umweltschutz. „Wir müssen die Leute von der Schönheit unserer Landschaft überzeugen“, sagt Esken. Es gebe bereits tolle Konzepte, die finanziert werden müssen. Am Herzen liegt ihr eine geplante Novelle des Bundeswaldgesetzes: „Der Staatsforst darf nicht nur Einnahmequelle sein“, fordert Esken. „Das empfinde ich als unerträglich für Umweltschutz und Tourismus.“ Es sei notwendig, dass Wäldern auch eine umweltpädagogische Aufgabe zugesprochen wird und beispielsweise Lehrpfade angelegt und gepflegt werden.

In den kommenden Wochen wird Esken ihren Wahlkampf unter dem Motto „Zuhören, entwickeln, handeln“ fortsetzen. Die Ergebnisse der Wunschbaum-Aktion sollen ausgewertet und vorgestellt werden. Unterstützung für ihre Kandidatur erhält Esken von ihrem Mann. Weniger euphorisch reagieren allerdings die Kinder auf die Wahlplakate ihrer Mutter, erzählt Esken: „Die finden das ein bisschen peinlich.“

Saskia Esken
Die Bundestagskandidatin im Wahlkreis Calw/Freudenstadt kam mit dem Ziel, Asylbewerber zu integrieren, 1990 zur SPD. Seit 2007 ist die gebürtige Stuttgarterin im Gemeinderat in Bad Liebenzell, seit den Kommunalwahlen als Fraktionsvorsitzende. Außerdem wurde die Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Bad Liebenzell/Unterreichenbach bei den Kommunalwahlen im Juni auch in den Kreistag gewählt. Die staatlich geprüfte Informatikerin engagiert sich zudem im SPD-Kreisvorstand, im Landesvorstand der Sozialdemokratischen Gemeinschaft für Kommunalpolitik und in der Elternvertretung in den Bildungs- und Betreuungseinrichtungen, die ihre 10, 12 und 14 Jahre alten Kinder besuchen. Esken ist Mitgründerin des Calwer Bündnisses gegen Rechts und wird in wenigen Tagen 48 Jahre alt. In ihrer Freizeit ist sie gern mit ihrem Mann und ihrem Hund unterwegs.

Text: Claudia Salden

Quelle Neckar Chronik vom 13.08.2009